Gefangen in der Katzenfabel
Meine Erlebnisse und Gedanken zum Thema "Gewalt in der Geburtshilfe"
Kurz nachdem ich die Katzenfabel auf meine Webseite gestellt hatte, wurde ich um ein kurzes Interview zum Thema „Gewalt in der Geburtshilfe“ gebeten. Um mich ein wenig vorzubereiten, nahm ich Zettel und Stift zur Hand, um den tausend Gedanken, die mir dazu durch den Kopf gingen, zumindest etwas Struktur zu geben.
Ein Thema, das so sehr bewegt und berührt – und sich doch kaum eindeutig definieren lässt. Ein Thema, zu dem es bis heute keine verlässlichen wissenschaftlichen Studien zur Häufigkeit gibt. Zu lange war es ein Tabu, zu lange wurde nicht hingeschaut, sodass belastbare Datengrundlagen fehlen. All das machte es mir nicht leicht, Ordnung in meine Gedanken zu bringen.
Gleichzeitig eröffnete dieser Prozess einen vielschichtigen Blick auf mein eigenes Leben: auf mich als Hebamme, als Therapeutin, als Mutter – und bei der Begleitung meiner Töchter durch Schwangerschaft und Wochenbett auch als Großmutter.
Wann fing es an?
Wo stehen wir heute?
Was hat sich bewegt – und was nicht?
Und vor allem: Wann bin ich dieser Form von Gewalt zum ersten Mal begegnet?
Ich musste nicht lange überlegen. Dieser Moment hat sich tief in mir eingebrannt. Es war der Augenblick, in dem ich meine erste Geburt miterleben durfte. Bereits ein Jahr vor Beginn meiner Ausbildung, im zarten Alter von 17 Jahren, war ich zum ersten Mal im Kreißsaal. Fürchterlich aufgeregt ließ ich mich durch die Gänge einer großen Klinik führen.
Damals wusste ich noch nicht, dass die Gebärende nicht einmal um Erlaubnis gebeten worden war, mich an diesem intimen und heiligen Moment teilhaben zu lassen. Ich stand in einem riesigen Raum, sah mehrere durch Kachelwände voneinander abgetrennte Plätze, die den Frauen zur Geburt zur Verfügung standen. Eine Art Duschvorhang sollte die Intimsphäre schützen – ein Vorhang, der zu Demonstrationszwecken jederzeit achtlos beiseitegeschoben werden konnte.
Wie Kuhboxen, schoss es mir durch den Kopf.
Und dann war sie da – die Katzenfabel.
Ich sah eine Frau, auf dem Rücken liegend, die Beine in Beinhaltern fixiert, mitten in der Austreibungsphase. Laut und eindringlich wurde sie zum Pressen aufgefordert. War das dieser heilige Moment der Geburt? Neues Leben in Respektlosigkeit und Erniedrigung willkommen zu heißen?
Das ist fast 41 Jahre her. Und noch heute erschrecke ich darüber, wie selbstverständlich ich mich nur ein Jahr später selbst aktiv in diese „Katzenfabel“ einbinden ließ. Als Hebammenschülerin gehörte ich dazu. Ich hinterfragte weder die vermeintliche Wissenschaft noch die routinemäßigen Abläufe in der Geburtshilfe – ebenso wenig wie die starren, hierarchischen Strukturen, die damals vorherrschten.
Es anders machen. Es besser machen.
Das war der innigste Wunsch von uns Schülerinnen nach dem Examen. Viele von uns machten sich auf den Weg, andere Wege zu suchen. Auch andere Berufsgruppen in der Geburtshilfe begannen Schritt für Schritt, diese festgefahrenen Pfade zu verlassen und nach Veränderung zu streben.
Das Wissen um die natürliche, ungestörte Geburt, der Blick auf die innewohnende Kraft und Fähigkeit einer Frau, ein Kind zu gebären – und vor allem auf das, was sie dafür wirklich braucht – bildeten und bilden die Grundlage für einen anderen Weg:
eine geschützte Atmosphäre,
eine respektvolle und achtsame Begleitung von Beginn der Schwangerschaft an bis in die erste Zeit des Elternseins,
eine 1:1-Betreuung unter der Geburt,
bessere Arbeitsbedingungen für das geburtshilfliche Personal,
das Aufbrechen hinderlicher, starrer Strukturen
und eine Geburtshilfe, die sich von wirtschaftlichen Interessen der Kliniken löst.
Ja, es hat sich viel verändert – aber bei Weitem nicht genug.
Und neue, alarmierende Entwicklungen wie der bundesweite Hebammenmangel und die zahlreichen Schließungen geburtshilflicher Einrichtungen erfüllen mich mit großer Sorge.
An dieser Stelle möchte ich all den wunderbaren Familien, Kolleginnen und Kollegen danken, die mit ihrem Engagement dieses Thema lauter machen, es sichtbar halten und nicht müde werden, weiterzukämpfen –
für eine gewaltfreie, interventionsarme, sensible und respektvolle Geburtshilfe
und für ein glückliches, zuversichtliches Elternsein.
Kiel, 2022
Wer sich genauer mit dem Thema auseinandersetzen möchte, findet auf folgenden Seiten weitere Informationen (wobei ich keine Garantie für die Vollständigkeit dieser Aufzählung übernehme):
Mother-hood.de / Rosesrevolutiondeutschland.de / Traumageburtev.de / Gerechte-geburt.de / Greenbirth.de / Deutscherhebammenverband.de ( Positionspapier „Keine Gewalt in der Geburtshilfe“)